Montag, 20. Februar 2017

Buchhandlung Bücherschmaus: Mein Buch landet in Wien und die Wiener finden es nicht fad

Letzten Montag war es endlich soweit: Ich stellte meinen Roman "Eine ungeplante Reise nach Wien" (erschienen im Frankfurter Größenwahn Verlag http://groessenwahn-verlag.de/shop/belletristik/eine-ungeplante-reise-nach-wien/) ganz geplant in Wien vor. Und zwar in einer sehr schönen kleinen Buchhandlung im 6. Wiener Bezirk. Vielleicht würden manche virtuellen Leser den Wiener Bücherschmaus http://buecherschmaus.wien als "old fashioned" empfinden. Die zahlreichen Besucher aber fanden es sehr gemütlich dort und um kurz nach sieben passte schließlich keine Maus mehr in den kleinen Laden. Das lag natürlich hauptsächlich an Georg Schober, dem Betreiber und seiner Frau Petra, die hier die Reihe "Literatur am Montag" seit zwei Jahren etabliert haben - und an der feinsinnig literarischen Atmosphäre, die sie verbreiten.








Ich hatte auch ein paar Leute eingeladen und freute mich besonders, dass sie fern von meiner Heimatstadt hier erschienen waren. So saßen beispielsweise meine Großcousine Sybille, die in Wien lebt, mein früherer Arbeitskollege Marcus, meine liebste Zimmervermieterin in Wien mit ihren beiden Töchtern, Nicole und Michèle (von denen letztere ein entzückendes Geschäft mit frechen Täschchen in der Neustiftgasse führt: Violettesays http://www.violettsays.at), der Autor Jürgen Heimlich und Robert im Publikum, der die ganze Veranstaltung auf den Weg gebracht hatte. Sehr erfreut war ich, dass Irena David, die umtriebige Betreiberin des Photoblogs "Wien zu Fuss" https://www.facebook.com/wienzufussphotoblog/ auch in die Garbergasse 13, nicht weit vom Wiener Westbahnhof, gefunden hatte - und anschließend auf Facebook das kleine Ereignis in schönen Bildern veröffentlichte. Vielen Dank für die tollen Photos, Irena!
  



Eigentlich lese ich aus meinem Buch nun schon fast wie im Schlaf, diesmal aber, wo es darum ging, den Wienern ihre Stadt durch meine Protagonistin Judith vor Augen zu führen, war ich doch sehr aufgeregt. Besonders bei den einleitenden Worten, mit denen ich mich kurz vorstellte, flackerte mir die Stimme - und ich dachte: Nun lese ich hier also aus meinem Buch vor, diesen Text, der zu großen Teilen auch in dieser Stadt entstanden ist. Wie oft bin ich selbst durch die Gassen gelaufen, auf der Suche nach Ecken und Plätzen, die mir irgendwie bemerkenswert erschienen, so wie beispielsweise diese sich überlagernden Straßen "Wipplingerstraße" und "Tiefer Graben". Oft bin ich auch in meiner heimatlichen Schreibstube auf dem Stadtpan die Straßen abgelaufen und habe dann vor Ort nachgeprüft, ob alles stimmt. Dieses auf den Füßen durch die Stadt streifen hat viel zur Entstehung des Buches beigetragen. Es war wie ein immer tieferes Erspüren meiner Protagonisten. Wie und wo sie sich bewegten, hat viel damit zu tun, was sie im Innersten bewegt. 

Ich las das Kapitel "Hotel Orient" http://www.hotel-orient.at/index.php/das-orient.html und freute mich über die Reaktionen in den Gesichtern, manchmal auch kleinen Ausrufe, bei einem Satz, der überraschend schien. Zum Beispiel diese Äußerung von Leo: Eine renommierte Adresse für Untreue, das muss man sagen. Darauf Judith: Warst du schon mal hier? Leo wieder: Geh' das fragt man doch nicht. 

Solche kleinen Dialoge, an denen ich wieder und wieder gefeilt hatte, sie scheinen eine Wirkung zu haben, was manchmal ganz erstaunlich für mich ist, weil sie mir ja so vertraut sind. Eine Frage, die danach immer wieder auftauchte war, ob es im "Hotel Orient" wirklich so ausschaut, die ich nicht wirklich beantworten kann. Denn ich versuchte einmal als Einzelperson eine Nacht zu buchen, was mir nicht gelang. Allerdings war ich auch nicht allzu hartnäckig, weil dieses Ausschmücken in meiner Fantasie, so wie ich es mir darin vorstellte, auch seinen ganz eigenen Reiz hatte - und eine Inspirationsquelle war.

Es war unbeschreiblich schön, nach der Lesung noch mit meinen Wiener Zuhörern und Zuhörerinnen zu sprechen. Ein schönes Lob war es für mich, als eine Dame sagte: Wissen Sie, so eine Beschreibung eines gemeinsamen Essens, die kann so fad sein - aber in Ihrem Buch, ist das anders. 

Die von einer Besucherin selbst gebackene Sachertorte und die kleinen Bethmännchen, die ich mitgebracht hatte, taten ein Übriges, um die Herzen und Zungen zu lockern. Ich möchte mich bei allen Organisatoren und Besuchern der Veranstaltung herzlich bedanken und hoffe, dass es weitere Lesungen in Wien geben wird - bis dahin schwelge ich ein wenig in den schönen Bildern, die Irena jeden Tag auf Facebook postet - und denke immer mal wieder darüber nach, worin für mich der Zauber dieser Stadt liegt. Zum Teil wohl in diesem schön verlebten Antlitz, das so viele Geschichten erlebt hat und zu erzählen weiß. Das ist ja bei vielen Städten so - aber manchmal sind die Spuren dieser Geschichten eben besonders spürbar und besonders berührend - so ist das in Wien.



Dienstag, 3. Januar 2017

Berlin: Ein Fenster zur Stadt in der Brunnenstraße


Ich sitze in der Galerie Art von Frei in der Brunnenstraße und schaue raus. Mein Blick fällt auf Nr. 10 gegenüber mit der Aufschrift: "Dieses Haus stand früher in einem anderen Land" und den Hinweis zur U-Bahn-Haltestelle "Rosenthaler Platz". Rechts daneben ein kleines Leuchtschild mit dem Hinweis "Jewelry", links daneben ein Chinesenladen mit Tee und allerlei Heilmitteln. 

Es gehen Menschen vorbei, die mich nicht sehen. Sie sind beschäftigt mit sich selbst, denken an Dinge, die sie schnell erledigen müssen, obwohl das neue Jahr erst wenige Tage alt ist. Nur ein paar achten auf die Lichter in der Galerie, nur wenige bleiben stehen, um genauer zu sehen, was sich hier mit der Installation von Geet Chorley abspielt. Für mich ist das Licht eine Art Stimmungsbarometer. Es wechselt von Blau über Violett nach Weiß und Türkis zu Gelb und Rot. Das ist wie ein Tag im Zeitraffer oder sogar ein Jahr. Das Licht macht die Wintertage erträglich, macht sie irgendwie zauberhaft, lässt mich irgendwie denken an "die blaue Stunde", an Henry Miller und seine Beschreibungen von Paris. Er schrieb, dass die Stadt der Liebe vor allem eine graue Stadt sei. Diese Beobachtung kann man ebenfalls in Berlin machen. Berlin ist eine graue Stadt und die Menschen empfinden wohl auch irgendwie grau. Es ist anders als Wien. Wien ist vor allem eine goldene Stadt - und der Glanz ist fast überall zu spüren. In Berlin ist das Ungeschlachte, Unfertige, Unbeachtete überall zu sehen und schon die Vorsilbe "Un-" sagt ja so einiges aus. Aber Berlin kommt mir seit Jahren vor wie eine Stadt im ständigen Werden und das ist das Spannende daran, die ständige Wandlung. Am Rosenthaler Platz geht die Torstraße ab, eine große mehrspurige Straße, die eine Allee sein könnte oder ein Boulevard, aber dazu ist sie zu unwirtlich, wenngleich nicht uninteressant. Ich habe sie schon Abschnittsweise erkundet, war in einem Café und in einem Vintageladen mit sehr hübschen Taschen und einem charmanten Betreiber, in einem kleinen Laden mit einer japanischen Schneiderin, die aus alten Stoffen von überall aus der Weilt Halstücher macht und Stolen und Mützen und sogar Kleider. Diese Gegend hier links vom Rosenthaler Platz ist noch etwas rau, sie hat das Raue, das hier früher allgegenwärtig war.



 
                       
Wenn man weiter Richtung Hackesche Höfe läuft, wird die Straße schicker, da sind die Kanten abgeschliffen, die Fassaden neu verputzt, die Graffities getilgt, Rosenthaler heißt sie dann und die Coolness mit Fusion-Restaurants und hippen Boutiquen hat sich breit gemacht. Manche Läden sind auch wirklich originell wie der vietnamesische Burger-Imbiss "Sixtyseven Junkfood". Die Inneneinrichtung versetzt einen tatsächlich in eine Straße in Saigon, rote Lämpchen verbreiten warmes Licht, von der Decke hängt Wäsche und überall stehen große Gläser mit eingelegten Eiern, Zitronen, Chilis oder Gurken. Es geht dort auch so zu wie in einem vietnamesischen Imbiss, immer viel los, immer laut, immer irgendeine Speise gerade aus. Bei mir waren es die Rollen, die es nicht mehr gab, also aß ich einen Bun Bao Burger mit gebratenem Tofu. Er war ziemlich lecker und dazu leicht, weil aus Reismehl und ohne Fleisch. 







Wenn man weitere geradeaus äuft, ist es Richtung Mulackstraße immer noch recht interessant. Modeläden, die zum Stöbern anregen und weitere gastronomische Ziele, meist vietnamesischer und italienischer Provenienz. Das erste mal bin ich hier 1994 rumgelaufen, auf den Spuren von Joseph Roth und mit Seminarleiter Karl Kröhnke, den ich heimlich mit meiner Studienkollegin verfluchte, weil hier so wenig geblieben war von der damaligen Gaunermiljö-Atmosphäre und dem einstigen Auffangbecken für Einwanderer aus dem Osten. Aber das Raue, das war da und stellenweise blitzt das auch noch heute hervor und erzählt Geschichten. 

Wer davon mehr spüren möchte, muss sich nördlich halten und die Brunnenstraße zu den niedrigen Nummern hin ablaufen, also links meines Blickes aus dem Galeriefenster, vorbei am ehemaligen Warenhaus Jandorf. Die Bernauer Straße bildete früher die Grenze zwischen den Bezirken Mitte und Wedding, wo die Mauer verlief. Wer es bis zur Nummer 39 geschafft hat, kommt auch noch weiter, denn hier gibt es französische Patisserie vom Feinsten. Die Betreiberin und Patisserie-Meisterin Anna Plagnes kommt aus dem Elsass und war jahrelang bei Demel in Wien - also ist Berlin doch auch ein bisschen golden.


Montag, 24. Oktober 2016

Nachlese im kleinen Salon - Es wird schon!

Einen Tag nach der Buchmesse, bin ich krank. Die Schniefnase und das Halskratzen haben auch Vorteile: Ich muss nicht raus in dieses Sauwetter und kann die letzten aufregenden Buchmessetage revue passieren lassen - bei einem Kaffee von Meinl mit Schuss.



Eins vorweg: Noch nie sind diese Messetage so schnell vergangen wie mit dem eigenen Roman in der Hand. Ich konnte nur hin und herflitzen zwischen den Hallen 3.1 und 4.1 - und dort habe ich auch einige Gänge ausgelassen. Das Laufen an den Verlagen vorbei war allerdings diesmal besonders schön, denn ich musste nicht mit einem Manuskript beklommen nachfragen, sondern konnte etwas zeigen. Meinen Roman, denn ich beim sehr engagierten und umsorgenden Frankfurter Größenwahn Verlag http://groessenwahn-verlag.de/veröffentlicht habe. Daraus ergaben sich viele schöne Gespräche und Erlebnisse. Am Stand des Wiener Mandelbaum Verlags blätterte ich in dem besonderen Reiseführer Jüdisches Wien, wobei der Verlagsleiter natürlich mein Buchcover sofort erkannte: Der Mandelbaum Verlag http://www.mandelbaum.de/home sitzt in dem weißen Haus mit dem Runderker. Als ich in dem Führer über den Judenplatz und das Mahnmal für die Opfer der Shoah las - Fotos sah, fiel mir wieder ein, dass ich im Jahr 2000 erstmals in Wien gewesen war, damals auf einer Tag der Gesellschaft für Exilforschung, bei der es sehr viel um die Musik der 20er und 30er Jahre ging. Damals habe ich mich genauer mit dem Schicksal Schriftstellers und Liberettisten Löhner-Beda befasst, der die Texte zu vielen Lehár-Operetten und Schlagern schrieb, die wir heute noch witzig, frech und modern finden. 

Das waren die ersten unscheinbaren Keime für meinen Roman. Als ich wieder zuhause war, wusste ich jedenfalls, dass ich mit diesem Thema etwas machen wollte. Als ich dann 2003 eine erste Erzählung geschrieben hatte, meldete ich mich zum Poetikseminar bei Bodo Kirchhoff an - und lernte besonders detailliertes Erzählen, sich zur Decke strecken mit dem Schreiben, eine Figur tatsächlich ausloten. 

Meine erste Erzählung schrieb ich immer wieder um, wusste noch nicht recht, was daraus werden sollte. Zwischendurch schrieb ich andere Kurzgeschichten, aber auch eine Erzählung, die sich um Musik und eine Großmutter drehte. Irgendwann zwischen 2004 und 2005 sah ich einen Bericht über das Hotel Orient in Wien. Mich faszinierte, dass die Wiener für eine vergängliche Sache wie die verbotene Liebe ein Hotel so sorgfältig und geschmackvoll einrichteten. Es inspirierte mich - ich schrieb weiter, die eher komplizierte Liebesgeschichte entstand. 

Die Geschichte der Großmutter hing noch etwas unverbunden zwischen anderen. Ich vertiefte mich also in die Musik, sah mir eine Ausstellung von Robert Dachs (einem Schallplattensammler) an und las Bücher über Fritz Löhner-Beda, die damals gerade erschienen. Auch hörte ich viele alte Aufnahmen, sammelte frisch digitalisiertes von Paul Abraham, gesungen von Martha Eggert oder Franziska Gaal, deren Stimmen viel zu früh verstummt waren. 

In den letzten Jahren hatte ich die Buchmesse auch besucht, um interessante und mutige kleine Verlage ausfindig zu machen. Der Frankfurter Größenwahn Verlag war auch darunter. Welcher konnte schließlich besser zu diesem Buch passen als einer, der selbst aus einem Kaffeehaus, einem Ort der Diskussion und Demokratie, entstanden war? 

Das waren so Gedanken in meinem Kopf als ich durch die überladenen Gänge lief. Station machte ich wieder bei dem Verlag Neue Kritik, dessen Reihe apropos über kunstschaffende Frauen mit immer wieder fasziniert, darunter Bücher über Vicky Baum, Marlene Dietrich aber auch Katherine Mansfield. Die wunderbaren Karten mit Dichterzitaten sammle ich schon seit Jahren. http://www.neuekritik.de/wiener-melange-i.html Ermutigt durch meinen Roman überlege ich ein biografisches Buch über Anja Lundholm zu schreiben, mit der ich viele Interviews geführt habe und auch Foto-Material besitze. 

Sehr schön war die Begegnung mit den Frankfurter Bücherfrauen, von denen ich wohl einige noch aus dem Studium kenne. Diesmal ist Anita Djafari ausgezeichnet worden, bei der ich damals Seminare besuchte. http://www.buchmarkt.de/meldungen/anita-djafari-als-buecherfrau-des-jahres-geehrt/Ganz bestimmt werde ich zu einer der nächsten Veranstaltungen gehen. Gleich neben ihrem Stand war der des Verlags Aviva, der speziell Bücher von vergessenen Schriftstellerinnen aus der Zeit der 20er und 30er neu auflegt. http://www.aviva-verlag.de/"Junge Bürokraft übernimmt auch andere Arbeit" von Lili Grün habe ich mir mitgenommen. Beim spannenden Plattenlabel Trikont nahm ich mir frühe Rock'n Roll Aufnahmen mit. In früheren Jahren hatte ich da auch schon über Musik in Berlin und Wien interessante schön aufgemachte Alben gefunden. http://trikont.de/

Schließlich ein bisschen "Widerfahrnis" von Bodo Kirchhoff bei der Zeit in Halle 3.1 - und ein paar Worte von ihm über die Anfänge des Schreibens: "Man schreibt ja aus einem eigenen Ungenügen heraus..." Das ist sehr wahr finde ich. Eine Frage, die mir mein Verleger Sewastos Sampsounis beim Gespräch gestellt hat, war die nach dem persönlichen Glück. Ich antwortete, dass man immer mal wieder im Leben überprüfen müsse, ob man glücklich sei, ob man das tue, was man eigentlich tun wolle im Leben - und dann müsse man Mut haben und ausprobieren. So etwas Ähnliches hat auch eine Autorenkollegin gesagt, die ein Buch über ihre Reise nach Rußland geschrieben hat: Ellen Lugert mit "Russisch Rückwärts". Sie zitierte ein russisches Sprichwort, das soviel bedeutet wie: Es wird schon! Das gefällt mir wesentlich besser als das etwas banalisierende Alles wird gut!, das im Deutschen so oft hergenommen wird. Das erstere drückt auch die Zeit aus, die alle guten Dinge brauchen - und die Zuversicht.

Zu guter letzt noch eine kleine Begegnung mit einem Mann aus Wien, der am Stand des Größenwahn Verlags ganz gerührt meiner Lesung folgte - und mein Buch kaufte. Kommen's nach Wien, sagte er. Ich komme auf jeden Fall nächste Woche, antwortete ich. Meine Frau ist Konzertgeigerin sagte er wieder: Moch' mer was! Nun war ich gerührt. Das wird wieder "Eine ungeplante Reise nach Wien" https://issuu.com/groessenwahn_verlag/docs/001_eine_ungeplante_reise_nach_wien/1.



Donnerstag, 25. August 2016

Einmal Kaiser(in) von China sein

Gestern führte mich ein Termin ins Offenbacher Nordend und von dort ins Kaiserleigebiet, direkt auf die Terrasse des neuen Hotels New Century, das unter chinesischer Führung steht. Man muss ja sagen, dass im Kaiserleigebiet viele Gebäude so bisschen achtziger wirken - und nicht wenige stehen leer. 

Das New Century http://www.newcenturyhotelseurope.com/de/restaurants-und-bar-in-offenbach.html aber hat sich wirklich schick gemacht. Wer noch das alte Scandic Crown oder Golden Tulip kennt, mag es kaum glauben, aber das Vier-Sterne-Superior-Haus wirkt elegant und modern. Neben den Übernachtungsmöglichkeiten bietet es zwei sehr gute Restaurants für ganz unterschiedliche Geschmäcker: Das Eastside ist ein modernes Gasthaus mit einer Cross-Over-Küche, die ihrem Namen alle Ehre macht und überall in Europa mal vorbeischaut. Ich habe Fish & Chips getestet, weil man das hier fast nirgends bekommt - und ich muss sagen, es war sehr lecker - vielleicht etwas feiner als man es hier und da in England bekommt, aber auf jeden Fall zu empfehlen. Der Cod kam in einer knusprigen Hülle, es gab grünes Erbsenmus (Mushi Peas) und French Fries im entzückenden Metallkörbchen. Auch die Salatvariationen, die meine Begleiter bestellten, sahen superknackig aus. 

Das Essen haben wir uns auf der luftigen Terrasse direkt über dem Mainufer schmecken lassen. Das ist ein schöner Platz, auch, wenn es heiß ist. Nach dem Espresso machten wir noch eine kleine Runde durch das Innere. Das Eastside begeistern durch die sehr großen Fenster auf den Main und den großzügigen Raum im Halbrund. Ein Brunch muss hier sehr angenehm sein.  


 


Im 2. Stock befindet sich das chinesische Schmuckstück des Hauses, das "Four Seasons Chamber". 

Also, wer sich immer schon mal in einen chinesischen Palast gewünscht hat, der bekommt hier eine Ahnung davon, denn das Interieur ist wirklich prächtig. Und das fängt schon im Flur an, der mit türkis-goldener chinesischer Tapete bespannt ist. Der öffentliche Bereich des Restaurants ist in kleine separee-artige Abteilungen gegliedert, mit blauen chinesischen Teppichen ausgelegt und gelbseiden bespannter Bestuhlung ausgestattet. Liebevoll ausgesuchte und sehr wertige Details wie Mingvasen, Lacktische, Orchideen etc. runden das kostbare Ambiente ab. 


Außerdem gibt es für Gruppen noch  abgeschlossene Private-Dining-Räume, an denen man zurückgezogen am runden Tisch die Speisen miteinander teilen kann, wie in China üblich. Auch die Speisekarte bietet authentische Gerichte weit ab von süßsauren Alpträumen. Es gibt Zubereitungen aus verschiedenen Provinzen, die einem alle das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen, außerdem kann man sehr stilvoll hochwertigen chinesischen Grüntee trinken. 

Ich werde das Four Seasons Chamber auf jeden Fall einmal ausprobieren, weil es einfach wunderschön ist, dort zu sitzen - man wird in eine andere Welt gebäumt.


Freitag, 15. Juli 2016

Straßen im Wandel - Ein Streifzug durchs Frankfurter Bahnhofsviertel

Das Frankfurter Bahnhofsviertel hat mich seit der Kindheit magisch angezogen. Damals redete man nicht offen davon, was sich dort abspielte. Mein Vater arbeitete bei Radio Diehl, Kaiserstraße 5, das ist am Roßmarkt, aber das wussten viele nicht so genau. Mein Opa auch nicht - und so lief er mit mir vom Hauptbahnhof geradewegs durch's Bahnhofsviertel und traute sich nicht, mich anzuschauen. Er zog mich an der Hand immer weiter, in der Hoffnung, dass ich nicht allzu viel von den bunten Bildern und eindeutigen Angeboten mitbekommen würde. Ich war fünf. 

Später mit sechzehn siebzehn machte ich eine Ausbildung am Willy-Brandt-Platz und lief wieder die Kaiserstraße runter. Einfach, weil dort meine Lieblingshäuser standen und eine super Eisdiele (Fontanella). 

 


In den Neunzigern wohnte meine Freundin Doris im letzten Drittel der Münchener Straße und ich liebte das bunte Angebot an Obst und die leichte Zwielichtigkeit in den Toreinfahrten. Doris' Sohn jedenfalls wurde von allen Nachbarn geliebt und hin- und heugeschaukelt. 

Anfang der zweitausender Jahre sang ich mit dem Chor ein paar mal im Festsaal der Loge zur Einigkeit in der Kaiserstraße - und riskierte einen Blick in hochherrschaftliche Hinterhöfe aus vergangenen Glanzepochen. 

Ganz viel später hatte ich einen Agenturjob im Westend (2010) und lief durch Taunus- und Moselstraße. Da fing es an, dass das Bahnhofsviertel ein Quartier wurde, in dem man ausging - also ich meine normale Leute. Ich entdeckte das Plank und futterte mich durch die Münchener, Elbe- und Weserstraße. Beim kleinen Vietnamesen Lam Frères und dem Plank bin ich bis heute hängengeblieben, außerdem bei treue Kundin bei verschiedenen Asia-Läden, der internationalen Buchhandlung, dem Schreibwarengeschäft Fleischhauer und Schuh-Krolla. 

In unregelmäßigen Abständen statte ich dem Viertel in der ewigen Mauser einen kleinen Besuch ab, so auch am Mittwoch, als ich am Hauptbahnhof meine Nichte in den richtigen Zug setzte. Während des Wartens hatte ich mir das neue "Frankfurt geht aus" gekauft und bekam Hunger. Ich schlenderte die Kaiserstraße bahnhofabwärts entlang, betrat zunächst die Internationale Buchhandlung, wo ich nie vorbeigehen kann und entdeckte ein Buch mit dem schönen Titel: Ein Garten über dem Meer. Ist es schön?, fragte ich die freundliche und sehr kompetente Buchhändlerin. Wunderschön, kam prompt die Antwort und ich nahm es mit. 



Genau nebenan befindet sich ein neuer Inder, der auch im Restaurantführer erwähnt wurde. http://eatdoori.com/k55/#eat-and-drink Die buntmoderne Aufmachung und das Angebot der Thali-Gerichte zog mich hinein. Außerdem hatte es plötzlich stark zu regnen begonnen. 

Ich nahm vorne an den niedrigen Marmortischchen Platz, bestellte mir ein Thali mit Butter Chicken und besah mir die Einrichtung. Ein bisschen Industrie-Style, ein bisschen Orient-Express, das Personal sehr freundlich und das Essen von exquisitem Aussehen und Duft. Ich musste an einen Indien-Aufenthalt vor rund 10 Jahren denken, wo wir auf der Durchreise nach Madurai von unserem Fahrer in eine sehr authentische Garküche geführt wurden. Die Teller waren Bananenblätter und ein Walla lief mit einem Henkelmann rum, gab jedem eine Schippe Reis und verteilte mit einem Schöpflöffel großzügig Currys. In Frankfurt geht das natürlich nicht. Es wurde ein ordentliches Silbertablett mit silbernen Schüsselchen darauf gebracht. Ordentlich waren auch Butterhuhn, Kichererbsen, Gemüsecurry, Raita und Kokosnussreis um ein Häufchen Basmatireis gruppiert. Aber doch sehr anders als bei den üblichen Indern - und sehr lecker.  Auch die handgemachte Mangolimonade und den Espresso kann ich empfehlen. 





 
Als ich fertig war, war es der Regen auch, und ich wanderte die Kaiserstraße weiter entlang, stellte fest, dass Eis-Fontanella eine neue Bleibe auf der anderen Straßenseite gefunden hatte und wagte einen Blick in einen schönen Hofeingang und ins noch leere Orange Peel. Ein cooles Ensemble zwar die ganze Kaiser, aber gleichzeitig sah ich, wie sich hier alles verändert: Ein Kettenrestaurant am anderen, eins schicker als das andere und trendiger und schnelllebiger. Nächstes Jahr schon kann das alles wieder anders aussehen und das Rohe, Baufällige, leicht Schmuddelige, aber auch Authentische und Spannende wird verschwunden sein. 


Ich lief zurück, holte Katharina vom Bahnhof ab. Wir nahmen diesmal die Münchener Straße hinunter, weil ich ihr dieses bunte Leben, diesen Kontrast von schick und schäbig, so dicht nebeneinander zeigen wollte. Wir landeten im Schreibwarengeschäft Fleischhauer und probierten Füller von Kaweko.http://www.kaweco-pen.com Sie schreiben super weich und wir mussten jede einen mitnehmen. Sie sagte: Für Schreiberinnen ist das wie Lingerie. Ich nickte beipflichtend. Ausgerüstet mit den neuen Füllfederhaltern wanderten wir ins Plank, wo wir uns in den neuen Raum, um den die Cafébar erweitert wurde, zurückzogen.  





Hier lässt es sich wunderbar plaudern, schreiben und auf die Münchener Straße hinausschauen - solange sie noch bunt ist.




Mittwoch, 1. Juni 2016

Frankfurt swingt noch - im Café Kante und im Naxoskino

Gestern führte mich ein Dokumentarfilm mit anschließender Podiumsdiskussion im Naxos-Kino an den Merianplatz und in die Kantstraße. Kurzentschlossen lenkte ich meine Schritte ins Café Kante. Hier kleben noch Zettel für Hatha Yoga im Fenster, wie früher in den 80ern, als es in den Yogastudios noch nach Räucherstäbchen duftete. Drinnen ist es angenehm unaufgeregt. Ich beziehe einen kleinen Tisch an der Wand, in Sichtweite der Espressomaschine und schaue mich um. Hier sieht man altmodische Dinge: Eine Frau mit weißem Kragen. Sie hat ein Buch gekauft und ritzt mit dem Fingernagel ungeduldig die Versiegelung auf. Es ist der neue Brunetti-Krimi aus dem Diogenes-Verlag. Wie gerne würde ich ihn für eine Stunde ausleihen, um noch ein wenig in meiner Venedig-Fatamorgana der letzten Reise zu schwelgen. 
Am Tisch neben der Tür sitzt ein in die Jahre gekommenes Liebespärchen, dennoch ein heimliches, wie es scheint. Sie halten verstohlen Händchen. Den Liebhaber kenne ich aus der Nachbarstadt, in der ich wohne. Hier fühlt er sich unbeobachtet. Ich schreibe diskret mit gebeugtem Kopf. Da kommt mein Erdbeerkuchen - ein ordentliches Stück. Der Käsekuchen wurde mir leider vor der Nase weggeschnappt. Aber sei's drum. Der Doppio aus der Rösterei Wissmüller ist lecker und nicht zu stark, die Erdbeeren sind frisch. Draußen schwappt das Leben Richtung Bergerstraße. Hier scheint es still zu stehen - jedenfalls für eine kleine Weile. Das Publikum ist mindestens so alt wie ich.

Wir sind die Letzten, die sowas mögen, scheint es. Draußen sehe ich mit Wohlwollen ins Fenster, in dem sich antike Waagen und Blechdosen ein Stelldichein geben. http://www.cafe-kante.de



Ich muss weiter zur Naxoshalle. Auch dort weht so ein wenig Vergänglichkeit durch den Saal, die eines Frankfurts, das es kaum noch zu geben scheint. 

Dazu passt auch der Film über den Jazztrompeter Carlo Bohländer Carlo, keep swingin', für den ich die Pressearbeit gemacht habe, und den ich mir zum 3. Mal ansehe. Die Protagonisten sind allesamt Jazzgrößen aus den 50ern, 60ern - und das Nachkriegsfrankfurt, mit seinen "Bausünden", die heute Charakter zeigen. Dort, wo sie noch vorhanden sind. Der Film ist sehr bewegend und jedenfalls sehenswert, widmet er sich doch Menschen und einem Stück Zeitgeschichte, das in Vergessenheit zu geraten droht. Der Film war ausverkauft, die Diskussion gut besucht und Daniella Baumeister hat ganz wunderbar moderiert.  
http://carlokeepswingin.okfilm.de/

Doch der Jazz lebt noch, in der Stadt oder wieder. Das betont auch der Betreiber der Musikkneipe Mampf, wo in diesen Tagen junge Leute swingen. Man sollte mal hingehen.http://www.mampf-jazz.de/mampf.html
     

Donnerstag, 31. März 2016

Ein trüber Tag in der Töngesgasse mit Abschluss im Café Mozart

Der Himmel hängt wolkenschwer wie das Gemüt - so denke ich in diesen letzten Märztagen. Ein Termin verschlug mich auf die andere Seite des Flusses und zwar in die Neuen Kräme. Wie schön wieder einmal hier zu sein, wo ich als Zwanzigjährige meine Mittagspausen verbrachte, dachte ich mir. Ich ließ mich ein wenig treiben und ging über den Liebfrauenberg fast automatisch auf die Kleinmarkthalle zu. Die kam mir bei leichtem Nieselregen gerade recht. Drinnen kann man das Draußen getrost für zwei Stunden vergessen und sich hineinträumen in bunte Märkte aller Länder: Die Obst- und Gemüsestände am Eingang duften nach Rom oder gar nach Saigon, wenn man gerade an einer Stinkfrucht vorbeigeht. In der Mitte, wo die Früchte dann in getrockneter Form neben Rosenblättern sitzen, kann man sich eher in den großen Bazar von Istanbul denken. Allerlei Salsicce und Pecorino-Varianten versetzen nach Neapel. Ich erstehe eine formschöne Artischocke und einen Beutel getrocknete Verbenenblätter. Noch weiter hinten steht wie immer eine kleine Schlange nach Fleischwurst an, obwohl es Montag ist. Ich lasse mich locken und folge den Stufen nach oben. Hier war ich schon sehr lange nicht mehr, jedenfalls kenne ich die kleinen Marktschenken, in denen man Austern, Fisch oder Focaccie bekommt, bisher nur vom Hörensagen. Für Austern möchte ich lieber nochmal mit einem Begleiter herkommen, das ist lustiger und auch romantischer. Aber auf eine Focaccia mit Parmaschinken und Pecorino lasse ich mich ein, danach ein herrlicher Espresso.  




 

Gestärkt gehe ich wieder hinaus, der Regen hat nachgelassen. Also steht einem Schaufensterbummel in der Töngesgasse nichts mehr im Wege. Ich schaue beim Oxfam-Buchladen rein https://shops.oxfam.de/shops/frankfurt-buch, lasse ein paar Bücher da und bewundere ein paar Häuser weiter die wunderschönen Bürsten und altmodischen Küchenhandtücher im Bürstenhaus http://www.buerstenhaus.de an. Wieder nehme ich mir vor, meine Messer das nächste Mal mitzunehmen und bei Dotiert schärfen zu lassen. Bei Samen-Andreas http://www.samen-andreas.de/blog/index.php kaufe ich zwei Lilienknollen und Rosenhandschuhe. Auf der anderen Straßenseite gehe ich, wie jedes Mal in den kleinen Japanischen Laden und kann mich nicht sattsehen an Schälchen und Tässchen - allesamt so schön, dass ich mich nie entscheiden kann und ohne ein Stück hinausgehe. Besonders aufgefallen sind mir diesmal die schönen Stoffe mit diesen typischen, regelmäßigen japanischen Mustern in dunkelblau oder dunkelrot, kleine Bogen oder Sterne, die sich aneinanderreihen. Ich wandere noch weiter geradeaus dorthin, wo die Töngesgasse schon Bleidenstraße heißt, hier entdecke ich ein neues Geschäft mit geflochtenen Taschen aus Marrakech und kleinen Kommoden aus Indien. Auf dem Weg zurück lasse ich mich vom Kaffeeduft in die Rösterei Wacker locken, kaufe einen äthiopischen Arabica und schlendere hinüber zu 2001, ein bisschen bei den Klassik-CDs stöbern. Ja, ich kaufe immer noch CDs - manchmal. Nebenan beim Kartenfachgeschäft erwerbe ich ein Merianheft über Venedig. 

Damit begebe ich mich dann zurück ins Mozart. Es nieselt auch schon wieder. Beim Vorübergehen an der Tortentheke entdecke ich die köstliche Johannisbeer-Baiser-Torte. Die muss es jetzt sein. So wie immer, nur das ist schon wieder so ungefähr 5 Jahre her. Gegenüber ist eine Baustelle, ein ganz neues Haus wird da hochgezogen. Früher wohnte dort meine Freundin Doris, das ist, oh je, viel viel länger her. 

Es gibt viele Orte, an denen ich gerne sein möchte, in diesem Nicht-Frühling, aber auch viele, wo ich nicht sein möchte, in diesen Zeiten, denke ich. Die Töngesgasse ist gar kein so schlechter Ort.